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  • keyboard_arrow_right Die Urlaubsmacher #33 – forum anders reisen e.V.

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Die Urlaubsmacher #33 – forum anders reisen e.V.

die Urlaubsmacher 11. November 2021


Hintergrund
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Den gesamten Lebensraum sichtbar machen und erhalten

Der nachhaltige Tourismus muss raus aus der Nische. „Als Archäologin habe ich erfahren, dass wir nicht nur die kulturelle Vielfalt, sondern den gesamten Lebensraum sichtbar machen und erhalten müssen. Denn überall auf der Welt sind die Menschen, die Umwelt, Soziales und Kultur miteinander verbunden“, sagt Petra Thomas, Geschäftsführerin vom forum anders reisen e.V., im Podcast „Die Urlaubsmacher“.

Petra Thomas ist eine Quereinsteigerin im Tourismus. Nach dem Studium der Klassischen Archäologie und Kunstgeschichte hat sie zunächst in der Kulturvermittlung als Reiseleiterin gearbeitet und ist zu vielen Kulturstätten gereist. Vor Ort ist ihr immer wieder aufgefallen, wie stark unsere Seherfahrung von der europäischen Kultur und Sichtweise beeinflusst ist. Als Freunde sich mit einem Reiseveranstalter für Fernreisen selbständig gemacht haben, ist sie zum ersten Mal außerhalb Europas nach Indien gereist.

„Diese Reise hat mich sehr geprägt“, sagt Petra im Podcast mit Michael Becker, „denn ich habe gesehen, wie Kultur sich durch die Menschen verändert.“ Für den Veranstalter hat sie im Produktmanagement gearbeitet. Die Dramaturgie und die Planung einer Reise, die Erwartungen der Reisenden ist eine spannende Aufgabe mit gestalterischen Möglichkeiten. Denn bei einer Reise kann man mit der Gestaltung des Tagesverlaufs einen Mehrwert für die Reisenden generieren.

Über den Reiseveranstalter kam sie zum forum anders reisen e.V., der 1989 gegründet wurde. In den Verband hat sie sich schnell eingebracht, hat Freude an dem Austausch und Weiterentwicklung von nachhaltigen Reisen gefunden. Über das Ehrenamt ist Petra in die Geschäftsführung des Verbands gekommen.

„Als Archäologin habe ich erfahren, dass wir nicht nur die kulturelle Vielfalt, sondern den gesamten Lebensraum sichtbar machen und erhalten müssen. Denn überall auf der Welt sind die Menschen, die Umwelt, Soziales und Kultur miteinander verbunden.“

Petra Thomas, Geschäftsführerin vom forum anders reisen e.V., im Podcast „Die Urlaubsmacher“

Welche Möglichkeiten hat das forum anders reisen die Tourismusbranche nachhaltiger zu machen und zu verändern?

Der Verband entwickelt gemeinsame Standards und setzt diese in einem Kriterienkatalog um. Die Leistungskette entlang einer Reise definiert detailliert wie eine Unterkunft ausgewählt wird, wie die Aktivitäten vor Ort gestaltet werden,  wie mit den Partnern im Ort, im anderen Land zusammengearbeitet wird, welche Informationen der Reisegast braucht. Die Leistungskette des Reisens umfasst nicht nur die Anreise. Am Urlaubsort ist entscheidend, dass das Geld den Menschen vor Ort zugutekommt. Zentral sind dabei die Hotels und die Lebensmittel. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei, die lokale Landwirtschaft zu fördern, damit die kleinbäuerlichen Strukturen in der Region erhalten bleiben.

„Bei den Aktivitäten am Urlaubsort ist relevant, wie wir zum Naturschutz oder dem Kulturerhalt beitragen“, erklärt die Geschäftsführerin. Viele Kulturerbe Stätten können nur durch den Tourismus und die Eintrittsgelder erhalten werden. Gerade die Reiseleitung spielt auf internationaler Ebene eine enorme Rolle in der Vermittlung zwischen fremden Kulturen. Jedoch auch, wenn wir in Europa eine Wanderung unternehmen, ist die Wanderleitung ganz entscheidend, damit wir sehen, was am Wegesrand wächst. Denn man sieht nur, was man weiß. Es sind ganz viele Details, auf die man achten kann, damit die Einflüsse den Menschen und der Umwelt zugutekommen. Das Grundprinzip vom forum anders reisen ist, dass wir darauf achten, eine positive Wirkung mit der Auswahl der einzelnen Leistung innerhalb einer Reise zu generieren.

Footprint: Klima und Soziales

Tourismus ist eine Branche von Menschen für Menschen. Sehr viele Hände sind bei der Produktgestaltung einer Reise beteiligt. Bei nachhaltigen Reisen geht es darum, faire Rahmenbedingungen für alle zu schaffen. Es ist eine große Herausforderung, wenn Serviceleistungen 24 Stunden am Tag und 7 Tage in der Woche angeboten werden. „Man sollte die Menschen so fair behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte und dies dann in die Welt zu tragen“, sagt Petra. „Die Veranstalter des Verbands achten auf faire Bezahlung, damit die Arbeitsplätze im Ausland einen echten Beitrag zum Lebensunterhalt leisten und nicht auf Ausbeutung beruhen. Denn dies ist auch kein Umfeld, wo sich der Reisegast wohlfühlt.“

Wie können die Veranstalter ihre Produkte sichtbar machen, damit das Angebot bei den Reiseinteressierten ankommt und nicht in der Google-Suche untergeht?

Aktuell hat man den Eindruck, dass der nachhaltige Tourismus in der Nische stecken geblieben ist, obwohl die Reisenden ein großes Interesse an sozialen und ökologischen Reisen haben. Es gibt auch Veranstalter mit entsprechenden Angeboten. Nur gemeinsam kann es gelingen, aus der Nische herauszukommen und Nachhaltigkeit zum Standard der Branche zu erheben. Das forum anders reisen hat nicht nur ein theoretisches Konzept, sondern zeigt auch, dass nachhaltige Reisen umsetzbar sind. Es geht nicht darum, ein Ideal zu manifestieren, sondern dies auch wirtschaftlich tragfähig für alle Beteiligten umzusetzen.

„Wir sehen, dass nachhaltige Reisen einen positiven wirtschaftlichen Effekt in einer Region haben können, weil dort viel Geld ankommt. Wir machen viel Öffentlichkeitsarbeit und freuen uns über die starke Nachfrage. Wir haben festgestallt, dass nachhaltige Reisen ein Wachstumsmarkt sind. Wobei Wachstum im Tourismus eine kritische Größe ist. An verschiedenen Orten haben wir gesehen, dass zu viel Tourismus die Lebensverhältnisse der Menschen in einer Region einschränken kann. Vor der Krise haben wir die negativen Auswirkungen von Overtourism wahrgenommen. In der Krise haben wir festgestellt, dass zu wenig Tourismus auch zu Problemen führt.“

Zusammenspiel von Einheimischen und Besuchern gestalten

Zum Beispiel werden viele Bereiche im Naturschutz von Touristen finanziert. Ganze Nationalparks sind bei ausbleibenden Einnahmen nicht mehr geschützt. Zudem hängen auch die Einkommen vieler Menschen davon ab. Auf Mallorca ist es während der Krise zu einer Hungersnot bei den Menschen gekommen, die keine Arbeit mehr hatten. Lebensmittel wurden verteilt, um ihnen durch die Krise zu helfen. Dies zeigt den gesamt gesellschaftlichen Zusammenhang, den Tourismus auch hat. Er reicht stark in den Lebensraum der Bewohnerinnern und Bewohner einer Region, wo wir eine kleine Weile zu Gast sind. Das Zusammenspiel zwischen Lebensalltag und Besucherinnen zu gestalten, ist eigentlich die Aufgabe von Tourismus.

Das Angebot an nachhaltigen Reisen muss breiter sichtbar sein und sollte sich nicht auf die Spezialanbieter beschränken. Die gesamte Tourismusbranche  – Veranstalter, Transport, Destinationen, Hotels – ist dafür verantwortlich, dass die Transformation gelingt. Darüber hinaus ist die Tourismusbranche unglaublich ressourcenintensiv und braucht Platz. Tourismus findet überall da statt, wo es besonders schön ist, an den Küsten und Stränden, in den Altstadtzentren der schönsten Städte. Der Ressourcenverbrauch muss gesenkt werden. Dies gilt für den Energieverbrauch durch erneuerbare Energien, für den Wasserverbrauch und die Besucherlenkung, damit nicht alle zur selben Zeit am selben Ort sind. Es braucht einen großen Hebel, um dies zu gestalten. Denn ein einzelner Veranstalter weiß nicht, was die anderen Veranstalter anbieten. Die Destinationen müssen ein System entwickeln, um die Zahl der Anreisen zu begrenzen und die Saison zu erweitern.

Radtouren weltweit © Pawel Opaska, Dreamstime.com – lizensiert für forum anders reisen

Bei Städten, die durch Lowcost Carrier und Kreuzfahrtschiffe geprägt waren, war der Ansturm am sichtbarsten. Es waren zu viele Menschen gleichzeitig an einem Ort. Jedoch auch kleine Bergdörfer oder Trekkingpfade leiden unter zu vielen Menschen zu gleicher Zeit. Ein forum anders reisen-Veranstalter hat eine wunderbare Tour durch Cinque Terre zurückgezogen, weil die Region überlastet ist. Die Tour hat nicht mehr die Qualität, wenn in der Hochsaison die Menschen auf den Pfaden in Kolonne wandern. Die Touristen zu steuern, ist Aufgabe der Branche.

Begeisterte Stammkunden des forums anders reisen

Wenn auch der Bekanntheitsgrad der Veranstalter im forum anders reisen insgesamt noch nicht sehr hoch ist, so haben sie eine unglaubliche treue Stammkundschaft. Jeder, der mit ihnen gereist ist, kommt wieder. Die Stammkunden haben die Veranstalter auch in der Krise unterstützt und die Anzahlungen für spätere Reisen belassen. Wenn die Reisenden unterwegs sind, sehen und spüren sie den Mehrwert einer nachhaltigen Reise und kommen  wieder. Dies ist bei den Spezialisten für Familienreisen oder Aktivveranstaltern so und bei den Destinationsspezialisten, wo es viele Wiederholer gibt. 

Begegnungen auf Augenhöhe © Omur12, Dreamstime.com – lizensiert für forum anders reisen

Nachhaltiges Reisen ist bedachtes Reisen und kein Reiseverbot

Das forum anders reisen e.V.  will Reisen so gestalten,  dass sie in einem guten Verhältnis von Reisedauer und Entfernung stehen. Anstelle eines Kurztrips zum Shoppen nach New York ist es bei einer weiten Reise besser, länger an einem Ort zu sein. Es ist sinnvoller ein paar Urlaubstage zu bündeln, um anzukommen und die Destination erkunden zu können. Dies hat auch gesundheitliche Vorteile, wenn man in andere Zeitzonen reist. Wenn man nur eine paar Tage Zeit hat, sollte man die nähere Umgebung erkunden. Das ist entspannter.

„Uns geht es nicht um die Idee des Verzichts, sondern darum, die Reisen anders zu gestalten und somit eine positive Wirkung zu erzielen.“  

Reformhäuser waren der Anfang von ökologischen Lebensmitteln. Werden Reisebüros nachhaltige Reisen in die Masse bringen?

„Ich sehe tatsächlich eine Chance, dass die Krise den Trend zu nachhaltigen Reisen weiter verstärkt. Derzeit überdenken viele Menschen über das eigene Reiseverhalten nach. Zudem führt der zeitweise Verlust der Reisefreiheit dazu, Reisen wieder wertzuschätzen. Die Menschen reisen gerne an dieselben Orte. Die Beratung der Reisebüros kann dazu beitragen, eine neue Reiseart oder ein anderes Hotel zu finden. Ich wünsche mir, dass wir aus der Welt der Reformhäuser in die Welt der Supermärkte zu kommen, wo es auch nachhaltige Produkte gibt“, sagt Petra.

Nachhaltige Reisen durch Netzwerke möglich machen

Der Tourismus ist international und global. In Kooperation mit internationalen Organisationen und Initiativen stärkt das forum anders reisen e.V. den nachhaltigen Tourismus. „Gemeinsam mit anderen nachhaltigen Akteuren in Europa haben wir ein Netzwerk, um unsere Sichtbarkeit zu erhöhen und auf EU-Ebene das Thema Reisen per Zug zu stärken. Denn wir brauchen gute Zugverbindungen, die komfortabel und günstig als Alternative zum Flugzeug sind. Wir streben eine Haltungsänderung an. Die Anreise soll wieder Teil der Reise sein, die wir genießen. Das Erleben der Strecke ist ein wichtiger Aspekt des Reisens“, fasst Petra die nächsten Ziele des Verbands zusammen.